Windsurfen vs. Kitesurfen – Verletzung beim Surfen im Vergleich

Windsurfer und Kitesurfer kennen Verletzungen – doch wer verletzt sich häufiger und wie?

Der Sport des Windsurfen oder Kitesurfen bringt leider Verletzungen mit sich. Umso spannender ist für viele Windsurfer und Windsurferinnen respektive Kitesurfer und Kitesurferinnen die Frage, ob sich Verletzungen vermeiden lassen. Auch die Frage welcher Sport (Windsurfen vs. Kitesurfen) die höhere Verletzungshäufigkeit mit sich bringt, ist für viele Surfer interessant. Da ich als Physiotherapeut in Heidelberg sowie Deutschlandweit mit Surfern arbeite, beschäftige ich mich mit den Antworten auf diese Fragen und bin auf eine Studie aus den Niederlanden gestoßen. Die an der niederländischen Nordseeküste durchgeführte Studie zeigte eine signifikant geringere Verletzungshäufigkeit bei Windsurfern gegenüber Kitesurfern. Einige der Erkenntnisse aus der Untersuchung sind sowohl für Windsurfer als auch für Kitesurfer relevant. Damit du deine Verletzungshäufigkeit reduzieren kannst, habe ich die Untersuchung für dich verständlich aufbereitet.

Das erwartet dich als Windsurfer und Kitesurfer im Artikel

  • Wie häufig verletzen sich Windsurfer und Kitesurfer bei der Ausübung ihres Sportes?
  • Mit welchen Verletzungen ist beim Windsurfern und Kitesurfen zu rechnen?
  • Welche Rolle spielt die Erfahrung und das Können des Windsurfers oder Kitesurfers?
  • Welche Ursachen für Verletzungen beim Windsurfen und Kitesurfen gibt es?
  • Wie schwer sind die Verletzungen beim Surfen und welche Regionen sind betroffen?
  • Wie lässt sich die Verletzungshäufigkeit beim Windsurfen und Kitesurfen zukünftig reduzieren?

Basisdaten der Studie und Teilnehmenden Windsurfern und Kitesurfern

Windsurfen und Kitesurfen eine Grafik zum Vergleich der Verletzungshäufigkeit
Leistungseinteilung der Windsurfer und Kitesurfer in der Studie

In den Jahren 2009 bis 2011 wurden alle Patienten die mit Verletzungen durch Windsurfen oder Kitesurfen in das ortsansässige Krankenhaus eingeliefert wurden in die Studie eingeschlossen. So konnten 57 Teilnehmer (25 Windsurfer und 32 Kitesurfer) in die Studie eingeschlossen werden. Neben den Informationen zur Verletzung (Art- und Schwere der Verletzung), mussten sich die Teilnehmer anhand fester Kriterien einer Leistungsstufe zuordnen (Anfänger, Fortgeschritten, Erfahren, Experte). Neben der Surferfahrung in Jahren sowie der Surfzeit in Stunden pro Jahr wurde die Windgeschwindigkeit zum Zeitpunkt der Verletzung sowie der Einsatz von Schutzausrüstung abgefragt.

 

Die Gruppe der Kitesurfer wurde separat dazu befragt, ob Sie ein Quick-Release System benutzt hatten. Weiterhin wurde erfasst wie lange die Studienteilnehmer benötigten, um nach ihrer Verletzung wieder zum Surfsport zurückzukehren und ob es im Zeitraum der Studie weitere Verletzungen gab. Auch ob anhaltende Verletzungsfolgen verblieben sind, wurde erfasst.

Windsurfgruppe und Kitesurfgruppe: Unterschiede der Gruppen

In der Analyse der Basisfaktoren zeigten sich Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Gruppe der Windsurfer hatte ein höheres Leistungslevel sowie mehr Erfahrung. In der Nutzung von Schutzausrüstung unterschieden sich die Gruppen ebenfalls. So nutzten 17% der Windsurfer und 28% der Kitesurfer Schutzausrüstung wie Helme oder Prallschutzwesten. In der Gruppe der Kitesurfer nutzten 92% ein Quick Release System, dieses wurde von 13% im Zuge ihrer Verletzung ausgelöst.

Verletzungshäufigkeit der Windsurfer und Kitesurfer im Vergleich

Die Verletzungshäufigkeit beim Windsurfen lag bei 5.2 Verletzungen pro 1000 Surfstunden (32 Verletzungen bei insgesamt 6146 Surfstunden). Die Verletzungshäufigkeit beim Kitesurfen lag bei 7.0 Verletzungen bei 1000 Stunden Kitesurfen (49 Verletzungen bei insgesamt 6978 Surfstunden). Die Verletzungshäufigkeit der Kitesurfer war in dieser Untersuchung signifikant (P= 0.005) höher als bei den Windsurfern.

Ursachen für Verletzungen bei Windsurfen und Kitesurfen

In der Gruppe der Windsurfer traten die meisten Verletzungen im Zusammenhang mit fortgeschrittenen Manövern wie forward oder back loop (Salto ähnliche vorwärts- bzw. Rückwärtsdrehung im Sprung) auf. In der Gruppe der Kitesurfer wurden die meisten Verletzungen durch Sprünge in großer Höhe oder Windböen ausgelöst. Zusätzlich wurden viele Verletzungen der Kitesurfer durch mangelhafte Kontrolle des Surfmaterials (Board oder Kite) verursacht. Knapp 42% der Verletzungen bei Kitesurfern entstanden am Strand. Hierbei scheinen v.a. Start- und Landung des Kite großes Unfallpotential zu bieten. Zusammenstöße zwischen Kite- und Windsurfern waren selten und spielten als Verletzungsursache kaum eine Rolle.

Art und Schweregrad der Surfverletzungen bei Windsurfern und Kitesurfern

Eine Tabelle zeigt die genauen Verletzungsdaten von Windsurfern und Kitesurfern
Aufstellung der Verletzungsdaten von Windsurfern und Kitesurfern

Insgesamt waren sowohl bei den Windsurfern als auch den Kitesurfern die unteren Extremitäten am häufigsten von Verletzungen betroffen, gefolgt von Kopf, Halswirbelsäule sowie den oberen Extremitäten und dem Rumpf. Die meisten der erlittenen Verletzungen wurden in beiden Gruppen als eher leichte Verletzungen eingestuft. Häufige leichte Verletzungen waren Prellungen, Risswunden und Verstauchungen der Knöchel. Unter den  schweren Verletzungen die auftraten, fanden sich in der Gruppe der Windsurfer unter anderem Brüche des Schienbeinkopfes sowie der Handwurzel. In der Gruppe der Kitesurfer kam es zu Brüchen der Halswirbelsäule, der Lendenwirbelsäule, des Ellenbogen, der Handwurzel, des Schienbeinkopfes und der Ferse.

 

Der Schweregrad der Verletzung stand laut den Autoren nicht im Zusammenhang mit Alter, Können oder der Verwendung von Schutzausrüstung. Die Unfälle im Kitesurfen ereigneten sich im Vergleich zum Windsurfen öfter am Strand (6% Windsurfern, 42% Kitesurfen).

Verletzungen vermeiden bei Windsurfen und Kitesurfen

Möglichkeiten zur Verletzungsprävention für Windsurfer

Obwohl vorgestellte Studie nicht das Thema Verletzungsprävention behandelt, gibt sie Hinweise dazu. Die Autoren verweisen auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 (Dyson, 2006). Diese kommt zu dem Ergebnis, das die Muskulatur des unteren Rückens bei Windsurfern häufig von Verletzungen betroffen ist. Zur Prävention wird eine Kombination aus Training der Muskulatur sowie einem Aufwärmprogramm vor dem Windsurfen empfohlen. Genauere Informationen dazu folgen in einem weiteren Blogbeitrag. Weiterhin wird in der Studie deutlich das insbesondere fortgeschrittene Manöver im Windsurfen mit Überschlägen bzw. dem Springen in der Welle mit einem höheren Verletzungsrisiko verbunden sind. Wer als Windsurfer oder Windsurferin sein Verletzungsrisiko gering halten möchte, sollte evtl. auf diese Manöver verzichten.

Möglichkeiten zur Verletzungsprävention für Kitesurfer

Um das Verletzungsrisiko für Kitesurfer zu reduzieren, bieten sich mehrere Rückschlüsse an. Da sich ein Großteil der Verletzungen bei Start- und Landung des Kite am Strand ereigneten sollte man sich als Kitesurfer das besondere Risiko dieser Situation bewusst machen. Viele der Patienten in meiner Physiotherapiepraxis in Heidelberg haben sich in genau dieser Situation verletzt. Insbesondere bei der Wahl der geeigneten Schirmgröße sollte die Kontrollierbarkeit an erster Stelle stehen. Dass sich Windbedingungen innerhalb von Sekunden verändern können (Böen, Zunahme Wind, etc.) sollte unbedingt berücksichtigt werden. Das sichere beherrschen von Start- und Landung des Kite sollte für jeden Kitesurfer das erste und oberste Ziel sein um Verletzungen zu vermeiden. Weiterhin könnte es sinnvoll sein, das Auslösen des Quick Release beim Kitesurfen explizit zu üben. So könnte in gefährlichen Situationen schnell und effektiv gehandelt und Verletzungen vermieden werden.

Fazit: Windsurfer verletzen sich seltener, Prävention scheint möglich

Insgesamt scheint die Verletzungshäufigkeit in der Gruppe der Kitesurfer signifikant größer zu sein, als bei den Windsurfern. Ob ein höheres Erfahrungs- und Leistungslevel vor Verletzungen schützt, scheint fraglich. In der Gruppe der Windsurfer scheinen Verletzungen mit ansteigendem Leistungslevel eher zuzunehmen. Ein Teil der Faktoren die Verletzungen begünstigen scheinen sich beeinflussen zu lassen. Für Windsurfer ist ein guter körperlicher Trainingszustand, insbesondere im Bereich des unteren Rückens empfehlenswert. Kitesurfer sollten großen Wert auf einen sicheren Start und Landung legen, um Verletzungen zu vermeiden. Grundsätzlich sollte sowohl von Kitesurfern als auch von Windsurfern häufiger Schutzausrüstung getragen werden. Von einem Aufwärmprogramm vor dem Surfen könnten Windsurfer und Kitesurfer profitieren.

 

Insgesamt zeigten sich in dieser Studie für beide Sportarten niedrige Verletzungsraten (Windsurfer 5.2, Kitesurfer 7.0 Verletzungen bei 1000 Surfstunden). Im Vergleich zu den Verletzungsraten anderer Sportarten (Fußball 19 Verletzungen pro 1000 Spielstunden) scheinen vorgenommene Einstufungen des Windsurfen und Kitesurfen als Extremsportarten mehr als fraglich.

Quellen für Artikel Verletzungen Windsurfen vs. Kitesurfen:

Beschriebene Studie im  Volltext:
van Bergen CJ, Commandeur JP, Weber RI, Haverkamp D, Breederveld RS. Windsurfing vs kitesurfing: Injuries at the North Sea over a 2-year period. World J Orthop. 2016;7(12):814-820. Published 2016 Dec 18. doi:10.5312/wjo.v7.i12.814

 

Weitere Quellen:

Dyson, R. (2006). Incidence of sports injuries in elite competitive and recreational windsurfers. British Journal of Sports Medicine, 40 (4), 346–350.
doi:10.1136/bjsm.2005.023077

 

McCormick, D. P. & Davis, A. L. (1988). Injuries in sailboard enthusiasts. British Journal of Sports Medicine, 22 (3), 95–97.
doi:10.1136/bjsm.22.3.95

 

Neville, V. & Folland, J. P. (2009). The Epidemiology and Aetiology of Injuries in Sailing. Sports Medicine, 39 (2), 129–145.
doi:10.2165/00007256-200939020-00003

 

Nielsen, A. B. & Yde, J. (1989). Epidemiology and traumatology of injuries in soccer. The American Journal of Sports Medicine, 17 (6), 803–807.
doi:10.1177/036354658901700614

 

Pikora, T. J., Braham, R. & Mills, C. (2012). The Epidemiology of Injury among Surfers, Kite Surfers and Personal Watercraft Riders: Wind and Waves. Medicine and Sport Science (Band 58, S. 80–97). doi:10.1159/000338583

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